Berlin Marathon – an der Weggabelung
Was für ein Moment am letzten Sonntag. Ich laufe auf die Ziellinie zu mit dem Brandenburger Tor im Rücken. Der blaue Teppich unter meinen Füßen . Es spielt ein Lied – ich weiß nicht mehr was- doch ich muss tanzen… einfach so glücklich. Die Muskulatur nach 42km ist hart- der Körper nicht mehr ganz so flexibel fühlt sich an wie eine Maschine.
Ich habe die Erinnerung im Kopf wie ich mit Klaas gemeinsam den ersten Marathon in Hamburg gefinished habe: der Augenblick, als uns der Fotograf in der Mitte der Ziellinie gemeinsam fotografiert. Und da ist er auch heute der Fotograf: ich breite die Arme aus und fliege auf ihn zu und er hält meinen Moment fest- verewigt in diesem Bild.
Doch was du auf diesem Foto nicht siehst:
Alles begann mit der Verlosung im November 2023. Kann ich ja mal mitmachen hab ich gedacht. Anfang Dezember dann das Ergebnis: ich habe einen Startplatz für Berlin. Wow- was eine Auszeichnung. Doch dann auch der Gedanke: Ok. Erstmal ist der Termin noch weit weg und dann hab ich 6 std Zeit. Sollte das Training also nicht so laufen wie geplant kann ich immer noch eine Sightseeingtour daraus machen.
Das Training verlief gut und meinem perfekten Trainingsplan entsprechend konnte ich alle Trainingseinheiten absolvieren. Wiedermal unterstützte mich das Laufen auf dem Boden zu bleiben, bei allem was es an beruflichen Turbulenzen auszugleichen galt.
Am Freitag bevor wir die Reise nach Berlin antraten erfuhr ich dann schließlich, dass Orsay die Firma in Deutschland schließt und wir alle mit sofortiger Wirkung keine Gehälter mehr bekommen würden. Das war echt hart. Jetzt hieß es für mich: Fokus halten, auf das was vor mir lag: 42,195 km durch die Hauptstadt.
Ich war so aufgeregt wie noch nie in meinem Leben. (Ja, das denkst du immer vor einem Marathon… aber es wird irgendwie nicht besser.) Doch dann war es soweit:
Der Lauf:
Mein erster Marathon alleine. Ich laufe nur für mich und mit mir allein. Alles was ich an Trainingeinheiten in den letzten 16 Wochen in mich reintrainiert habe, laufe ich jetzt einfach aus mir raus. Jedes Zirkeltraining, jeder Kilometer, und auch jeder lange Lauf ist in meinen Zellen abgespeichert und wartet darauf performen zu dürfen.
Startblock H ganz vorne stehe ich mit Tausenden. Alle Nationen vereint mit einem Ziel vor Augen: Berlin laufen. Was im Fernsehen letztes Jahr bei der Verfolgung meiner Freunde wie eine riesige Menschenschlange durch den Tierpark aussah, ist für mich jetzt zum Tatort geworden. Eine kleine Ameise mit neongelbem Berlinshirt inmitten des Bildschirms. (Tatsächlich wurde ich von zwei Menschen entdeckt.)
Der Lauf war echt tough. Es sind ein paar Tage her dass ich dies aufschreibe, doch ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich ab km 20 die Kilometer abgeknabbert habe …. Schritt für Schritt – Kilometer für Kilometer. Zwischendurch habe ich mir auch erlaubt zu gehen… durchatmen und wieder aufnehmen. Wie im Leben eben.
Das Gute war, dass ich die Strecke im Vorfeld oft genug visualisierst und abgelaufen war. Ich konnte mich also von Highlight zu Highlight hangeln. Das war so gut für meinen Kopf. Zusätzlich war die Laufstrecke unglaublich voll – 55.000 Menschen die auf einmal die gleiche Distanz bewältigen in eine Metropole wie Berlin. Auf der Strecke wurde ich oft ausgebremst, weil die Läufer plötzlich in den Kurven abgebremst haben, oder ich kam kaum vom Fleck, weil meine Füsse durch die Gels am Boden festklebten.
Klaas konnte mich auf der Strecke kaum anfeuern, da ich in Neon gestartet war, unterwegs aber wegen steigender Temperaturen mein Shirt ausgezogen hatte. Darunter war ich schwarz – also quasi unsichtbar in der Masse. Am Hotel Adlon, kurz vorm Brandenburger Tor zog ich mein T-Shirt wieder an. Ich lief durch das Tor…. Was ein Moment – und dann war da der Fotograf.
